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E-ROLLER-TEST

VESPA ELETTRICA 45 & ELETTRICA 70


Text: ampnet/Jens Riedel
Fotos: Volker Rost, Frank Ratering, Motomobil
 

AUS EINS MACH ZWEI

Die einen bauen ein Elektrofahrzeug komplett neu konzipiert um die Batterie herum, die anderen verpflanzen einen Elektroantrieb in eine bestehende Karosserie: Vespa wäre nicht Vespa, wenn das Unternehmen nicht den zweiten Weg gewählt hätte


Vespa Elettrica 70
 


Die Elettrica trägt das Smallbody-Kleid der Primavera; Batterie, Steuergerät und die Triebsatzschwinge wurden so entworfen, dass alles in den vorhandenen Rahmen und unter das bekannte Blech passt. Deshalb gibt es zum Beispiel auch keinen Wechselakku. Zeitlos elegant präsentiert sich dank Primavera also auch die Elettrica. Auffälligstes Unterscheidungsmerkmal: Kantenschutz, Sitzbank-Keder, Felgenhörner und die drei Schlitze in der Front sind farbig abgesetzt. Natürlich fehlt der Auspuff (und die Chromfinne auf dem Kotflügel), und natürlich präsentiert sich die Triebsatzschwinge ein wenig anders – das war es aber auch schon weitgehend. Selbst die Schalter sind eins zu eins übernommen. Einzige Ausnahme: Dort wo bei der Primavera der Startknopf sitzt, hat die E-Version den Fahrmodischalter.

Der größte Clou steckt unter der Sitzbank: Dort, wo normalerweise der Tankstutzen ist, versteckt sich unter dem Verschluss nun das auf zwei Meter Länge ausziehbare Spiral-Ladekabel. Das Ladegerät ist fest im Fahrzeug eingebaut. Wo sich bei der 50er, 125er oder 150er der Motor befindet, beherbergt die elektrisch angetriebene Primavera die 25 Kilo schwere Batterie. Sie wurde so geformt, dass das Helmfach unter dem Sitz erhalten bleibt. Der 400-Volt-Akku hat eine Kapazität von 4200 Wattstunden und soll binnen vier Stunden voll geladen werden können. Piaggio geht davon aus, dass rund 1000 Ladezyklen beziehungsweise 70.000 Kilometer Fahrleistung möglich sind, ehe die Batteriekapazität auf etwa 80 Prozent des ursprünglichen Energieinhalts sinkt.

Der Motor ist eine Eigenentwicklung von Piaggio. Er hat eine Dauerleistung von 3,6 kW (4,9 PS) und liefert vier kW (5,4 PS) Peak Power sowie 200 Newtonmeter Drehmoment. Er surrt nicht, sondern gibt einen angenehmen und leicht pfeifenden, sirrenden Ton von sich. Piaggio bietet die Vespa Elettrica in zwei Ausführungen an: als 45 km/h schnelle Mopedversion (mit blauen Farbakzenten) und für die Saison 2020 zusätzlich auch als 70-km/h-Variante (125er-Äquivalent, gelbe Dekorelemente).

Vespa Elettrica 70
Vespa Elettrica 70
 

Beide haben exakt den gleichen Motor mit derselben Leistung. Hier wie dort legt die Elettrica beim Spurt aus dem Stand in 5,2 Sekunden 30 Meter und in acht Sekunden 60 Meter zurück. Nur wird bei der Mopedversion dem weiteren Vorwärtsdrang etwas eher der Riegel vorgeschoben: Während diese bei 45 Stundenkilometern eingebremst wird, darf die andere dank etwas anderer Übersetzung und Softwareeinstellung dann noch bis zirka 70 km/h weiterbeschleunigen. Über den Fahrmodischalter können in beiden Ausführungen die Stufen Eco, Power und Reverse (Rückwärtsgang) eingelegt werden. Und während der Eco-Modus beim 50-Kubik-Pendant die Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h herunterregelt, sind es bei der flotteren Variante 45 km/h.

Beide Fahrzeuge sollen im Eco-Modus eine Reichweite von rund 100 Kilometern haben, im Power-Modus sind es 80 Kilometer beziehungsweise 70 Kilometer. Wobei dies auch von der Anzahl der Stop-und-Gos einer Fahrt abhängt, wie Vespa ergänzend erläutert (je mehr, desto weniger). Reichweite ist das eine, die Verlässlichkeit der Anzeige das andere – hier darf man Piaggio gratulieren: Die Statusmeldungen im Display über die noch mögliche Fahrstrecke und die prozentuale Restkapazität der Batterie sind absolut vertrauenswürdig. Es wird nicht mittendrin urplötzlich mit den Werten hin- und hergesprungen. In einem Fall wurden uns zum Start 80 Kilometer Reichweite angezeigt, nach 27 Kilometern Fahrstrecke waren es dann noch 52 Kilometer und 65 Prozent Restkapazität.

Die Rekuperationsstärke lässt sich in zwei Stufen vorwählen. Der Unterschied ist spürbar, aber die Bremswirkung des Motors bleibt auch in der höheren Einstellung recht sanft. Die 15 Kilo Mehrgewicht gegenüber der Benzin-Primavera sind im Fahrbetrieb nicht nachteilig zu spüren. Apropos Fahrwerk: Da gibt es doch noch einen kleinen Unterschied zur Primavera, aber man muss es schon wissen, um es auch zu sehen: Das Vorderrad ist in der Spur leicht nach rechts versetzt, um den Geradeauslauf der Batterie-Vespa zu optimieren. 

Vespa Elettrica
Vespa Elettrica
 

Ein Motor, zwei Fahrzeuggattungen; gleiche Leistung, aber höheres Tempo – willkommen im Elektrozeitalter. Genau hier liegt aber der Haken: Die „kleinere“ Elettrica erreicht auf dem Tacho mühelos ordentliche 49 km/h. Schneller kommt die 70-km/h-Version dort (wie bereits gesagt) auch nicht hin. Und danach geht es für sie nur etwas zögerlicher weiter. Der Schwung lässt ab Tempo 50 spürbar nach, und am Ende stehen auch nicht die versprochenen Siebzig in der Digitalanzeige. Wir kamen auf maximal 65 km/h, der Fahrer vor uns hatte eine „67“ als Topspeed im Bordcomputer hinterlassen.

Für den dichten Stadtverkehr reicht die Elettrica 45 hinreichend aus. Die Elettrica 70 wird man wählen, wenn der tägliche Weg zur Arbeit über offene Strecken führt. Bei nur 300 Euro Preisdifferenz würde man – den entsprechenden Führerschein vorausgesetzt – zwar wegen des kleinen Tempovorspungs und des CBS-Verbundbremssystems doch wohl zur etwas schnelleren Variante greifen, aber ob sich das im Berufsverkehr tatsächlich in einer nennenswerten Zeitersparnis niederschlägt, muss individuell festgestellt werden. Und so wundert es nicht, dass Piaggio selbst einräumt, dass Forderungen nach einer 100 km/h schnellen Elettrica laut geworden sind. Aber offensichtlich traut man in Pontedera der eigenen Courage noch nicht ganz und will erst noch ein paar Elektroerfahrungen sammeln, um auf Nummer sicher zu gehen.

Und noch eines ist sicher: In den kommenden zwei Jahren wird an einer massentauglicheren, will heißen kostengünstigeren Elektro-Vespa gearbeitet. Denn angesichts eines Preises von 6390 Euro/6690 Euro sieht man in Pontedera die Elettrica eher als trendiges Zusatzfahrzeug für den Tesla- oder BMW-i8-Besitzer. Fazit: Die Vespa Elettrica macht – zumindest im urbanen Umfeld – Spaß. Die Performance ist gut, die Reichweite geht (weil sie realistisch ist) ebenso in Ordnung wie die Ladezeit. Der Preis ist – nicht zuletzt auch wegen der schönen und hochwertigen Ausführung – ok. Dennoch hätte man von der Elettrica 70 km/h ein bisschen mehr erwartet, während die Elettrica 45 km/h alles andere als enttäuscht.

Vespa Elettrica
Vespa Elettrica 70
 

TECHNISCHE DATEN: VESPA ELETTRICA
Motor: elektrisch
Drehmoment: 200 Nm
Batterie: Lithiumbatterie 4200 Wh, 400 V
Dauerleistung: 3,6 kW (4,9 PS)
Spitzenleistung: 4 kW (5,4 PS)
Normreichweite: 70 bis 100 km
Ladezeit: ca. 4 Stunden
Höchstgeschwindigkeit 45 km/h (70 km/h)
Sitzhöhe: 790 mm
Gewicht: 130 kg
Bereifung: 110/70-12 (vorne), 120/70-11 (hinten)
Preis (2020, Deutschland): 6390 Euro (6690 Euro)


Vespa Elettrica 45

Vespa Elettrica mit Zubehör
auf der Mailänder EICMA
im November 2019


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