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E-BIKE-TEST

schon gefahren: ZERO SR/F


Text: Alan Cathcart
Fotos: Kewin Wing
 

SHOWTIME!

SR/F, so wie StReetFighter. Und das ist kein leeres Versprechen


Zero SR/F
 


Konventionelle Benzinmotorräder versus E-Bikes? Für viele dynamisch orientierte Zweiradfahrer stellte sich die Frage bis jetzt nicht. Elektromotorrädern sagt man etliche Nachteile nach, und teilweise stimmen sie ja tatsächlich (die hartnäckige Reichweitenangst der Skeptiker ist da noch gar nicht berücksichtigt): E-Motorräder haben superdünne Reifen, um durch weniger Haftung und Rollwiderstand die Reichweite zu erhöhen; auch bei der Bremsanlage wird gespart, um das Gesamtgewicht nicht zu groß werden zu lassen; und nicht zuletzt das Design, das sehr oft unbeholfen und zusammengewürfelt wirkt. Zählt man sich nicht zu den erklärten Rettern des Planeten, dann waren die Argumente pro E-Bike bislang überschaubar. Mit dem Eintreffen der Zero SR/F könnte sich diese Einstellung ändern. Sie ist ein Game Changer.

Zero Motorcycles in Santa Cruz, Kalifornien, könnte zehn Jahre nach dem Modell S die Barrieren endlich niederreißen. Gegründet 2006 durch den ehemaligen NASA-Techniker Neil Saiki, war Zero in den Prä-Tesla-Tagen neben dem E-Roller-Hersteller Vectrix (der trotz brauchbarer Produkte wieder entschlief) ein Pionier der elektrischen Fortbewegung. Heute ist das Unternehmen mit seiner neuen 6000-Quadratmeter-Fabrik südlich von San Francisco der weltweite Marktführer bei Elektromotorrädern. Die jährlich produzierte Stückzahl gibt Zero nicht an – aber zumindest die erfreuliche Entwicklung, dass die jährliche Wachstumsrate 40 Prozent beträgt, sowohl bei den Bikes als auch beim Umsatz.

Und dass der europäische Markt spürbar stärker und schneller als der amerikanische wächst – mit 52 Prozent Geschäftsanteil ist er derzeit auch der wichtigste. Somit wird es nur allzu verständlich, dass die neue SR/F ein Naked Bike im Stil europäischer Roadster geworden ist. Cheftechniker Abe Askenazi (früher Entwicklungsingenieur bei Buell Motorcycles) ist für die steile Entwicklung der Zero-Bikes in den letzten zehn Jahren verantwortlich: „Elektrisches Motorradfahren ist eine neue Dimension, weil man sich durch den Wegfall des Motorlärms und der Gangschalterei viel stärker mit dem Fahrerlebnis und der Umgebung verbunden fühlt. Mit der SR/F setzen wir dieses intensive Erlebnis unter Anabolika.“

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Das Entwicklungsteam der SR/F startete bei zero (sorry!), vom weißen Blatt Papier bis zum verkaufsfertigen Motorrad dauerte es genau 30 Monate. Nur zehn Prozent der Bestandteile gibt es auch beim bisherigen Spitzenmodell SR: Fußrasten; Spiegel; Blinker; Lenkergriffe und -gewichte; Rad-Geschwindigkeitssensoren; Hupe und Seitenständer. Die Batteriebox als Zentrum des Bikes wurde mit Kühlfinnen derart neu gestaltet, dass alle Zellen jetzt das gleiche Ausmaß an Kühlung erhalten, auch die Optik profitiert von den Kühlrippen. Erstmals wurde bei der Planung einer neuen Zero auch ein Tonmodell angefertigt: Designchef Matt Bentley kombinierte 3D-gedruckte Motor- und Fahrwerksteile mit der Modelliermasse, um den Feinschliff an der Maschine in Originalgröße vornehmen zu können.

Der neue bürstenlose Wechselstrommotor ist ein weiterer deutlicher Fortschritt: Die Permanentmagneten sind am einzigen beweglichen Teil (dem Rotor) platziert, während die Wicklungen als heißeste Komponenten an der Peripherie sind, wo die Temperatur am besten abgeleitet werden kann. Durch diese passive Luftkühlung entfällt die Notwendigkeit einer platz- und gewichtsraubenden Flüssigkühlung. Die Leistung beträgt 82 kW (110 PS) bei 5000 Touren, das konstante Drehmoment von 190 Newtonmetern gibt es ab der ersten Umdrehung. Auch die Höchstgeschwindigkeit steigt, in der SR/F ist sie auf 200 km/h begrenzt.

Während frühe Zero-Modelle keine schnellere Dauergeschwindigkeit als 130 km/h fahren konnten, ohne wegen der Thermik die Motorleistung zu reduzieren, soll die SR/F bei 49 Grad im Death Valley bei Tempo 170 unbegrenzt lange fahren. Der luftgekühlte Dreiphasen-Controller zieht maximal 900 Ampere aus dem Akkupack, das aber sicherheitshalber auf eine Abgabe von 1.200 Ampere ausgelegt ist und dadurch nicht gestresst wird. Im Rennstreckenbetrieb auf einem 3,2-Kilometer-Rundkurs bedeutet das Leistungsplus unter demselben Fahrer fünf Sekunden schnellere Rundenzeiten.

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Um die voll mittragende Batterie fügt sich ein Dreiecks-Stahlrohrrahmen, der jeder Ducati zur Ehre gereichen würde. Über Alugussplatten ist er mit der Zweiarmschwinge verbunden, die aus gepresstem Stahlblech besteht: „Wegen des ständigen massiven Drehmoments mussten wir eine neue Lösung erarbeiten, eine Aluminiumschwinge wäre hier überfordert“, erklärt Technikchef Askenazi. Daher auch das Schwingenlager mit einem üppigen Durchmesser von 100 Millimetern, das mit dem Motorabtrieb für den Hinterrad-Zahnriemen konzentrisch ist. Dadurch wird auch eine sehr hohe Spannung des wartungsarmen Zahnriemens möglich (seine Lebensdauer ist 40.000 Kilometer), um jegliches Spiel im Anstriebsstrang zu unterbinden.

Das voll abstimmbare Showa-Cantilever-Federbein bietet 140 Millimeter Federweg; die 5,50-Zoll-Felge mit dem Pirelli Diablo Rosso III in der Dimension 180/55-15 ist das mächtigste Hinterrad, das Zero je eingebaut hat. Die vordere 43-Millimeter-USD-Gabel kommt ebenfalls von Showa und hat 120 Millimeter Federweg (Bereifung 120/17-17). Seit sechs Jahren baut Zero Bremsen von J.Juan ein, die vordere 320er-Radial-Vierkolbenanlage hier aber doppelt: Diese Aufrüstung der Bremsanlage ist sinnvoll, denn die SR/F hat ein Fahrzeuggewicht von 220 Kilo (Premiumversion mit stärkerem Lader: 226 Kilo). Zum Vergleich: Ein leistungsfähiger Streetfighter wie die Ducati Monster 1200 wiegt 209 Kilo – allerdings kann sich deren maximales Drehmoment von 118 Newtonmetern mit den konstant 190 Nm der SR/F nicht messen.

Bereits die erste Sitzprobe ergibt, dass sich die hervorragend verarbeitete SR/F sehr, sehr substanziell anfühlt. Im 787 Millimeter hohen Sattel fühlt man sich deutlich mehr ins Motorrad integriert als auf der SR, der Alulenker ermöglicht eine leicht vorgeneigte sportliche Sitzposition. Und trotz des Gewichts wirkt die Maschine sehr ausgewogen und vertrauenerweckend.

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Der kräftige neue Motor spielt natürlich eine Schlüsselrolle im Fahrerlebnis. In den kurvenreichen Redwood-Wäldern der Santa Cruz Mountains spielen die Fahrmodi Eco und Regen naturgemäß kaum eine Rolle – nach 135 sehr hart gefahrenen Kilometern hinter Zero-Testpilot Trevor Doniak zeigt die Anzeige noch zwölf Prozent Batterie-Reserve. Die SR/F ist sehr kontrollierbar abgestimmt, und außerdem befindet man sich immer im richtigen Gang …

Im Street-Modus ist die Gasannahme unmittelbar und sensibel, aber nicht abrupt. Die volle Beschleunigung kann hier nicht abgerufen werden. Der Sport-Modus verhält sich allerdings so, wie es der Name verspricht: phänomenale Beschleunigung, in jeder Situation und bei jedem Tempo. Ein großer Unterschied zwischen diesen Modi ist das Verhalten der Energierückgewinnung (und somit der Motorbremse): In Sport beginnt die Rekuperation erst kurz, bevor man den Gasgriff ganz schließt, während die proportional ansteigende Bremswirkung im Street-Modus beim Zudrehen früher beginnt.

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Das mag Geschmackssache sein, so gestaltet sich zum Beispiel das Bergab-Anbremsen von Haarnadelkurven im Sport-Modus durch die harte Rekuperation als trickreich. Man kann das individuell justieren – allerdings nicht während der Fahrt, sondern man benötigt die App am Handy dazu. Über einen Schalter am Lenker (so wie beim BMW C evolution) wäre das vielleicht schneller und unkomplizierter zu bewerkstelligen – vielleicht liefert das Zero noch nach.

Ansonst gibt’s keine Verbesserungsvorschläge. Die Beschleunigung lüftet den Kopf durch, das Handling der Maschine ist unkompliziert, spielerisch und vorhersehbar. Der flüsterleise Ritt ist wie eine Reise auf dem fliegenden Teppich, und die limitierte Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h wird blitzartig erreicht. Auch die Pirelli Diablo Rosso erscheinen als gute Wahl – sie sind etwas leichter als Konkurrenzfabrikate und somit für E-Bikes besonders gut geeignet.

Zum neutralen und vorhersehbaren Handling der SR/F passen die hochwertigen Showa-Komponenten ganz ausgezeichnet. Mittlerweile arbeiten das japanische Unternehmen und Zero seit fünf Jahren zusammen, das Resultat ist beeindruckend: Auch in Schräglage werden Unebenheiten einfach weggeschluckt, ohne die Linie zu beeinflussen; Fahrbahnstöße sind plötzlich komfortabel.

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Schlicht und einfach: Die Zero SR/F setzt neue Maßstäbe für Elektromotorräder. Sie spielt in der Liga wie die besten Performance-Roadster, von der Aprilia V4 Tuono oder der KTM 1290 Super Duke R abwärts. Außerdem das erste Serien-E-Bike, wo man beim Design nicht ein oder zwei Augen zudrücken muss. Vor einem informativen Besuch oder einer Testfahrt bei einem Zero-Händler will gewarnt werden: Die Chancen stehen gut, dass man dort ein bisschen Geld ausgibt.




DAS LADESYSTEM UND DIE ELEKTRONIK DER ZERO SR/F

VERNETZWERKT

In der Standardversion der Zero SR/F kann an öffentlichen E-Zapfsäulen über eine Typ-2-Steckverbindung und das ins Motorrad integrierte Ladegerät eine Ladeleistung von drei kW erreicht werden. Damit wird die 100-Volt-Batterie mit 14.400 Wattstunden Energieinhalt innerhalb von vier Stunden von null auf 95 Prozent geladen – die letzten fünf Prozent brauchen wegen der notwendigen Ausbalancierung der einzelnen Zellen eine weitere halbe Stunde.

Gegen Aufpreis gibt es auch schnellere Lademöglichkeiten: Die Premiumversion der SR/F hat einen Sechs-kW-Lader, der die Zeit für 95 Prozent auf die Häfte verkürzt. Später im heurigen Jahr wird ein zusätzliches Rapid-Charge-System erhältlich sein, das zusätzlich weitere sechs kW Ladeleistung bringt. Mit den zwölf kW kann man dann den Akku innert einer Stunde zu 95 Prozent laden, die halbe Stunde für die restlichen fünf Prozent bleibt. Immer vorausgesetzt, dass die E-Zapfsäule die Strommenge zur Verfügung stellt. An einer Haushaltssteckdose sollte man mit acht Stunden für 95 Prozent rechnen.

Zero SR/F
Zero SR/F
 

Mit voller Batterie beträgt die Reichweite der SR/F im innerstädtischen Bereich 259 Kilometer (der PowerTank soll das auf 325 Kilometer erhöhen); auf der Autobahn kommt man bei einem Tempo von 115 km/h 132 Kilometer weit; im kombinierten Zyklus fährt man 175 Kilometer. Im Vergleich zum Vorgängermodell SR sind das (bei gleichem Batterieinhalt) um zehn Prozent weniger – was dem höheren Gewicht der SR/F und dem größeren Rollwiderstand der breiten Reifen geschuldet ist.

Zur Koordinierung aller elektronischen Systeme, die in der SR/F arbeiten, haben die Zero-Techniker das neue Betriebssystem Cypher III als zentrale Steuerung entwickelt: Es gibt vier voreingestellte Fahrmodi (Straße, Sport, Eco, Regen) sowie bis zu zehn individuelle Custom-Programme, die über die Zero-App und die TFT-Instrumententafel verwaltet werden können.

Cypher III integriert die 12-Volt-Lichtanlage des Motorrads, das 100-Volt-Batterieladesystem, die Batterieüberwachung, den Controller, die Bosch MSC Stabilitätskontrolle, das Display, die Bluetooth-Anbindung sowie die LTE- und GPS-Konnektivität. Als erstes elektrisches Motorrad verwendet die SR/F das Bosch MSC, das derzeit der Maßstab für ABS, Kurven-ABS und Traktionskontrolle ist.

Über die cloud-basierte Konnektivität kann der SR/F-Besitzer jederzeit verschiedene Statusinformationen abrufen: So gibt es Bewegungsalarm und eine Find-my-Bike-Funktion; Infos über den Ladezustand und auch die Möglichkeit, den Ladezeitpunkt oder ein Ladeziel zu definieren (zum Beispiel, um genügend Strom für die Heimfahrt zu tanken); das Datarecording wie Route, Tempo, aufgewendete Motorleistung/Drehmoment, Schräglagewinkel kann geteilt werden; Diagnose und System-Updates für Cypher III sind möglich; und schließlich kann über die Handy-App das Layout der Armaturentafel an die persönlichen Wünsche angepasst werden.



TECHNISCHE DATEN: ZERO SR/F
MOTOR bürstenl. Permanentmagnetmotor 102 V, luftgekühlt
LEISTUNG (Peak Power)  82kW (110 PS) 
DREHMOMENT 190 Nm 
FAHRWERK Stahl-Gitterrohrrahmen
AUFHÄNGUNG vo/hi Showa USD 43 mm/Showa Gasdruck-Monoshock 
FEDERWEG vo/hi 120/140 mm 
RADSTAND 1450 mm 
LENKKOPFWINKEL 65,5° 
NACHLAUF 94 mm 
BEREIFUNG vo/hi Pirelli Diablo Rosso III 120/70-17, 180/55-17 
BREMSEN vo/hi 2 x Scheibe 320 mm 4-Kolben/Scheibe 240 mm 
AKKU Lithium-Ionen 14.400 Wh (PowerTank 18.000 Wh)
LADEZEIT 1,5 h bis 4,5 h (voll, je nach Lade-Option)
MAX. REICHWEITE 259 km (Stadt), 132 km (Autobahn 112 km/h)
GEWICHT (inkl. Akkus) 220 kg (226 kg)
SPITZE 200 km/h 
PREIS (2019) € 20.690,– (mit 6-kW-Ladung € 22.890–) 
HERSTELLER/INFO www.zeromotorcycles.com/de 




























Zero SR/F


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